lit.Cologne: Ohne Nebenfiguren geht gar nichts!

"Harry, fahr schon mal den Wagen vor." - diesen legendären Satz aus der Krimi-Serie "Derek" wählte Autor Axel von Ernst als Titel für einen der finalen Abende der diesjährigen lit.Cologne. So erwartete die Besucher im ausverkauften Konrad-Adenauer-Saal des Congress- Centrums Nord der KölnMesse nicht nur ein riesiges Bild des Krimi- Duos samt Wagen sondern sogar eine den Abend eröffnende Leiche, gespielt natürlich. Denn genau um dieses Thema ging es - "Die Welt der Nebenfiguren". Die Hauptfiguren, die diese wichtigen Neben-Neben-Rollen anhand von Lesungen ins Rampenlicht stellten, waren die Schauspieler Suzanne von Borsody, Jürgen Tarrach und Dieter Moor. Letzterer versuchte vergeblich über Dissertationen und Kompositionsmittel zu referieren, wurde jedoch von den Kollegen, die er zu Beginn als "Hilfskräfte" vorstellte, unterbrochen. Eine ungewöhnliche Moderation und ein nettes Schauspiel zugleich!
Doch zurück zum Thema des Abends: Die Hauptnebenfigur ist natürlich die Leiche. "Was wäre die 'Mausefalle' von Agatha Christie ohne Leiche? Oder ein Tatort?", gibt Dieter Moor zu bedenken. Was in einem solchen Leichen-Darsteller vorgeht, verriet Suzanne von Borsody mit einem entsprechen- den Auszug aus dem Bestseller "Ewig Zweiter" von David Nicholls. Darin hofft der Komparse, der ein auf dem Seziertisch liegendes Mordopfers mimt, heimlich auf eine laufende, lebendige Rolle. Doch die Regeln des Showbizz verbieten auch nur die kleinste Bewegung. Jürgen Tarrach setzte bezüg- lich Hoffnungen mit der Geschichte "Träumer in Hollywood" noch einen drauf. Ob Schauspieler oder Drehbuchautor, so mancher glaubt in LA sein großes Glück zu finden. Aber in Wahrheit bedeutet beispielsweise der Satz "Wir melden uns bei Ihnen." bei einem Casting eigentlich "Rufen Sie mich nie wieder an!". Somit befinden sich die Träumer eher in einem Kreislauf aus Hoffnung, Müdigkeit und vielen Ausgaben für Fotos, Schauspielworkshops, ... Weitere ins Rampenlicht gerückte Neben-figuren waren an diesem Abend die vielen Frauen rund um den Helden "Superman", verschiedene Schulkameraden und ein Dienstmädchen. Zum besonderen Nachdenken regten die Worte aus "Dr. Faustus" von Thomas Mann das Publikum an.
"Die Nebenfiguren wirken unaufhörlich im Hintergrund, sind aber unerlässlich. Ich habe mich heute ebenfalls im Hintergrund gehalten.", betont Dieter Moor. Nach typischen Sätzen von Nebenfiguren wie "Haltet den Dieb!" oder "Darf ich Ihnen noch etwas bringen?" bekam auch er von Autor Axel von Ernst einen Schlusssatz verordnet: "Der Moor hat seine Schuldigkeit getan!". Wie wahr, denn ge- meinsam mit Suzanne von Borsody und Jürgen Tarrach sorgte er für einen kurzweiligen Abend.


(Fotos: Annette Quast)
lit.Cologne: Mario Adorf liest aus Biografie von Zülfü Livaneli.
Der Saal des Comedia Theaters in der Südstadt füllt sich. Doch anders als vermutet ist der Anteil der türkisch-stämmigen Besucher äußerst gering und das obwohl es sich um eine Lesung von Zülfü Livaneli, des großen Künstlers und Politikers der Türkei, handelte. Im Programmheft stand lediglich, dass die deutsche Version vom Schauspiel Köln übernommen wird. Doch es schien durchgesickert zu sein, wer in Wirklichkeit die deutschen Texte vorträgt. "Wenn dieser Mann zum Schauspiel Köln gehören würde, könnten wir uns alle glücklich schätzen.", begrüßt Edmund Labonté, einer der Geschäftsführer der lit.Cologne, Mario Adorf. Der Schauspieler gesellt sich zu Zülfü Livaneli und Osman Okkan, Moderator des Abends, auf die Bühne. "Vor 33 Jahren habe ich Livaneli im Café beim WDR kennengelert, damals war ich noch Journalist. Marion Adorf traf ich vor kurzem bei einem kleinen Filmfestival und fragte ihn, ob er sich einen solchen Leseabend vorstellen könne.", erklärt der Moderator, der an diesem Abend den Hauptakteur interviewt und sogleich mit der Übersetzung beginnt. "Als ich das schrieb, dachte ich nicht daran, dass es jemals veröffent-licht, ins Deutsche übertragen und von einem meiner Leinwandhelden vorgelesen wird. Das Leben ist ein Wunder!", verkündet der Autor von "Roman meines Lebens" voller Stolz. Und das zurecht, denn der beliebte Musiker, Filmemacher, Kolumnist und Schriftsteller wurde dreimal in der Türkei inhaftiert, gefoltert und verfolgt. Er flüchtete zum Ende des Militärputsches, kehrte nach 12 Jahren politischen Exils 1984 mit einem legendären Konzert in die Türkei zurück und brachte es dort sogar bis zum Parlamentarier. Ein wahrliches Wunder!
Mario Adorf liest nun Passagen von Livanelis Flucht vor der vierten Inhaftierung über Bulgarien nach Salzburg. Trotz aller Ernsthaftigkeit der Thematik sind darin Momente zum Schmunzeln enthalten. Auch bei den Erzählungen von den Dreharbeiten seines ersten Films mit Wim Wenders und Jürgen Jürgens gibt es einige Stellen zum Lachen. Die türkischen Namen klingen perfekt ausgesprochen, was eine türkisch-stämmige Journalistenkollegin bestätigt. Schließlich mimte Mario Adorf in seiner Filmkarriere einige Türken, er ist und bleibt ganz der Profi. Zwischendurch erzählt Zülfü Livaneli An- ekdoten aus seinem Leben und beteuert mehrfach, wie stolz er darauf ist viele junge Leser zu ha- ben. "Die Ereignisse nach dem Militärputsch war der Jugend nicht so bekannt, durch mein Buch bekommen sie die Möglichkeit die jüngste Geschichte der Türkei zu erfahren.", erklärt der Autor. Einen kurzen Ausschnitt über seine Jahre im Gefängnis liest er dann auch selbst vor. Allerdings erfahren nur seine Landsleute von seinen Versuchen mit Tricks der Folter zu entgehen. Die restlichen Besucher im Saal erhalten dafür eine Kostprobe auf Türkisch - mal etwas anderes. Zum guten Schluss lässt Mario Adorf noch das Vorwort verlauten, mit der Quintessenz: Zülfü Livaneli war immer derselbe Mensch, wurde nur nach den Pässen und ihren verschiedenen Farben unterschied-lich behandelt, entweder herumgestoßen oder mit Bücklingen empfangen. "Trotz allem war mein Leben ein glückliches Leben.", betont der Künstler abschließend und bedankt sich bei seinen Zuhörern.
(Foto: Annette Quast)
lit.Cologne-Veranstaltung "50 Jahre Amnesty International" mit großem Promiaufgebot.
Im Sommer 1961 formierte sich in Köln die erste deut- sche Amnesty-Gruppe. Seitdem setzt sich Amnesty Internat- ional weltweit für Menschenrechte ein, mit 3 Millionen Mit- gliedern und davon 100.000 in Deutsch- land. Zur 50-Jahr- Feier im Rahmen des Internationales Literaturfestes lit.Cologne fanden sich Prominente wie Maria Schrader, Cordula Stratmann, Benno Fürmann, Bastian Pastewka oder Frank Schätzing ein, um öffentlich auf die Schicksale zensierter und verfolgter Autoren aufmerksam zu machen.
"Das ist die größte Veranstaltung, die für Amnesty International je organisiert wurde.", freut sich Roger Willemsen, Moderator des Abends, beim Anblick der 6.500 Besucher der LANXESS arena. "Wir sind bereit für die einzutreten, die keine Stimme haben.", erklärt er weiter. Dies bekräftigten die zahlreichen Künstler, die alle auf ihre Gage verzichteten, indem sie wie einst am 10. Dezember 1948 Eleanor Roosevelt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verlasen. Im Anschluss an diese bewegende Eröffnung verliehen die anwesenden Schauspieler, Autoren und Musiker kritischen Texten des aktuellen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo, der derzeit in China inhaftiert ist, der Tunesierin Sihem Bensedrine sowie von Mascha Kaléko, Mandelstam, Nelly Sachs und vielen anderen ihre Stimmte. Dabei lasen sie sowohl abwechselnd als auch im Dialog. Max Herre, Joy Denalane und die Gruppe Klee untermalten die Lesegala musikalisch mit passenden Liedtexten.
Neben den Autorenwürdigungen zu Titeln wie "Gedicht eines Straßenkindes,"Geographie der Angst" oder "Von Freiheit und Redlichkeit" sowie den aktuellen Problemen in Japan und Libyen stand natür- lich das 50-jährige Engagement der Menschenrechtsorganisation im Fokus. "Wir haben als Gefang- enenhilfsorganisation begonnen, mittlerweile setzen wir uns für Menschenrechte von A bis Z ein.", erläutert Monika Lüke, Generalsektretärin der deutschen Sektion von AI. "Literatur ist ein wichtiges Mittel, um auf das Thema Menschenrechte aufmerksam zu machen.", fügt Roger Willemsen hinzu. Seine Moderation ging ebenso unter die Haut wie die beeindruckend vorgetragen Lesungen der Künstler, darunter des Weiteren Herbert Grönemeyer oder Katja Riemann. So war der Abend trotz drei Stunden Länge ohne Pause und teilweise schwer verdaulicher Texte doch sehr kurzweilig.


(Fotos: Annette Quast)